Briten entzweit Machtübergabe im Irak
VON SEBASTIAN BORGER
London. Kann ein Rückzug, selbst ein lang geplanter, etwas anderes sein als eine Niederlage? Wer sich von Großbritanniens Premierminister Gordon Brown Antworten auf diese spannende Frage militärischer Taktik erhofft hatte, wurde am Montag enttäuscht. Der Rückzug der letzten, rund 550 Soldaten aus der irakischen Metropole Basra sei "lang geplant und gut organisiert" gewesen, verkündete Brown in der BBC und wich der Frage nach der Niederlage aus.
Einem Bericht der International Crisis Group zufolge ist die zweitgrößte Stadt des Irak schon seit Monaten in der Hand unterschiedlicher schiitischer Gruppen, in deren Machtkämpfe sich die Briten zuletzt nur noch ungern einmischen mochten. In der Stadt habe sich ein Macht-Vakuum entwickelt, urteilt auch Oberst Christopher Langton vom Londoner Institut für Strategiestudien (IISS): "Die unterschiedlichen Milizen haben nur sich selbst und ihre Machtposition im Blick."
In den vergangenen Monaten hatten die Briten 26 verhaftete Iraker aus ihrer Militärhaft in die Obhut irakischer Behörden übergeben. Eine Reihe der Verdächtigen wurden anschließend umgehend freigelassen. Vergangene Woche verkündete einer der einflussreichsten Schiiten-Führer, der militante Kleriker Muktada al Sadr, eine einseitige Waffenruhe seiner Mahdi-Miliz.
Diese Ankündigung dürfte den raschen und unblutigen Rückzug der Briten erleichtert haben. Die aus dem sogenannten Basra-Palast abgezogenen britischen Soldaten verstärken die rund 5000 Soldaten starke Garnison am festungsartig ausgebauten Flughafen wenige Kilometer außerhalb der Stadt.
Beide Stützpunkte standen zuletzt unter fast täglichem Beschuss durch Aufständische. Seit Jahresbeginn kamen im Irak 41 Männer und Frauen in britischer Uniform ums Leben. Im Vorjahr waren es 29.
Die Londoner Zeitungen machten sich am Montag ihren eigenen Reim auf die Ereignisse im Zweistromland. Der schwierige Job sei "erledigt", schreibt das Massenblatt Sun. "Unsere Jungs können mit Stolz zurückblicken." Hingegen beschrieb die Tageszeitung Independent den Vorgang als "Drückebergerei" und Teil einer "schmählichen Niederlage".
Die Times verwies auf das fortdauernde Dilemma der britischen Besatzer, die nominell weiterhin die Verantwortung für die Sicherheit in der Millionenstadt Basra und der dazugehörigen Provinz tragen. Ausdrücklich betonte das Londoner Verteidigungsministerium, dass die britischen Truppen notfalls stark genug seien, die Stadt Basra zurückzuerobern. Dem wiederum widersprechen Fachleute zum Teil vehement.
Die Briten wollen im Lauf des Herbstes die Macht in Basra offiziell an die 10. Division der irakischen Armee übergeben. Aus drei weiteren Provinzen im Süden des Irak haben sich die Briten bereits zurückgezogen.
Die schrittweise Reduzierung der britischen Präsenz geht in den Medien einher mit einem heftigen Sperrfeuer zwischen britischen und US-amerikanischen Ex-Generälen, die sich gegenseitig Versagen vorwerfen. US-General Jack Keane vertraute kürzlich dem britischen Sender BBC an, die Situation in Basra sei "außer Kontrolle". Die Briten hatten demnach dort nie genug Truppen, um die Bevölkerung zu beschützen.
Einen ähnlichen Vorwurf erhebt umgekehrt der frühere britische Armeechef Michael Jackson in seinen kürzlich erschienenen Memoiren. Die US-Armee habe zum einen, schreibt Jackson, nach dem Einmarsch im Irak im Jahr 2003 viel zu wenig Besatzungstruppen zurückgelassen. Zum anderen stelle die Strategie des damaligen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld den intellektuellen Bankrott dar.
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