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July 31st - - Frankfurter Rundschau - Kaiser Hugos Macht

Von der These der Amerikaner, Caracas' Waffenkäufe destabilisierten den halben Kontinent, halten Experten wenig. Ein Vertreter des Internationalen Instituts für Strategische Studien IISS sagte, Venezuela ersetze einfach altes Material durch neuzeitliches, rüste also weniger auf als nach. Tatsächlich sollen die Kalaschnikows belgische Sturmgewehre aus den Sechzigern ersetzen. Dass sie an die kolumbianische Guerilla weitergereicht werden, wie Washington sagt, dafür gibt es keinen Hinweis. Bisher ist das Militär des Landes, verglichen mit den Nachbarstaaten, weder durch übertriebene Größe noch durch exzessive Ausgaben aufgefallen. Es erscheint eher als normal, dass Chávez nun, da der Ölpreis die Kassenlage entspannt, neues Material kauft. Als Venezuela noch nicht als unbotmäßig galt, verhökerte Washington selbst dort jede Menge Kriegsmaterial - allein 1996 für mehr als eine halbe Milliarde Euro.
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31 July 2006: Frankfurter Rundschau
 
VON WOLFGANG KUNATH (RIO DE JANEIRO)

Guten Kunden sieht man ihre Mucken nach, zumal wenn sie mehr als eine Milliarde Dollar ausgeben wollen. Dass Venezuelas Staatschef Hugo Chávez mit intimen Kenntnissen der Kosaken-Trinksitten glänzte, mag bei seinem Besuch in Russland weniger Verwunderung ausgelöst haben als sein Bekenntnis, er stehe eigentlich eher auf Venezolanerinnen, aber wenn er sich die Mädchen in Wolgograd anschaue, dann "muss ich sagen, dass ich bisher das Beste verpasst habe".

Chávez scheint nicht bange zu sein. Etwa im Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al-Daschsira, in dem er am Wochenende Israels Militäraktion im Libanon mit Hitlers Vernichtungspolitik verglich: "Israel verübt an den Libanesen die selben Handlungen, wie sie Hitler an den Juden verübt hat - die Ermordung von Kindern und Hunderten unschuldigen Zivilisten."

So etwas bringt durchaus manche Sympathien. In Iran beispielsweise, wo Chavez jetzt dafür warb, Teheran möge sich an der Erschließung von Gas- und Ölvorkommen in Venezuela beteiligen. Auch bei vielen Russen kam die Bärbeißigkeit, mit der der wortgewaltige Venezolaner die USA als "imperialistische Invasoren" und ihren Präsidenten als "Terroristen" bezeichnet, gut an. Die Regierung Putin schweigt natürlich offiziell. Sie umsorgte Chávez wie einen guten Kunden. An die zwei Dutzend Jagdflugzeuge vom Typ Suchoi-30 - Listenpreis je nach Ausstattung: zwischen 30 und 45 Millionen Dollar - und rund 30 Hubschrauber standen auf Chávez' Wunschliste, frohlockte der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow. Und was ein noch spektakulärerer Deal wäre: Mit der Staatsfirma Rosoboronexport verhandelt Venezuela über den Bau einer Fabrik, die Kalaschnikow-Gewehre in Lizenz herstellen würde. Wie im Vorgriff darauf umarmte Chávez den greisen Michail Kalaschnikow, Konstrukteur der am weitesten verbreiteten Kleinwaffe der Welt.

Vergangenes Jahr hat der gelernte Berufsoffizier Chávez 100000 Kalaschnikow-Sturmgewehre und zehn Kampfhubschrauber bei den Russen bestellt. In Spanien orderte er zwölf Transportflugzeuge und acht Patrouillenboote für 1,7 Milliarden Euro.

Die Amerikaner, die Venezuela und seine linkspopulistische Regierung als "eines des größten Probleme in der Region" betrachten, befürchten, dass sich durch Chávez' Shopping-Touren das militärische Gleichgewicht in der Region destabilisiert. Nachdem die USA Mitte Mai ihr Waffenembargo gegen Venezuela verhängt haben, dringen sie noch mehr als vorher darauf, dass andere Länder die Venezolaner nicht bedienen. Manchmal gelingt das: Die Brasilianer mussten von einem Flugzeug-Geschäft mit Caracas zurücktreten, weil ihre Embraer-Maschinen US-Komponenten enthalten. Aber in Russland gelang es eben nicht. "Die einen Türen fallen zu, andere öffnen sich", kommentierte Venezuelas Verteidigungsminister Raúl Baduel gelassen den spektakulären Wechsel des Hauslieferanten. Die Bush-Regierung hatte, als sie das Embargo verkündete, verlauten lassen, die Venezolaner würden die Folgen spüren, wenn sie Ersatzteile für F-16-Flugzeuge kaufen wollten, die die Amerikaner in den Achtzigern geliefert hatten.

Genau dem kommt Chávez nun zuvor. Er tourt durch die Welt und steuert Ziele wie Teheran an, die die Amerikaner zur Weißglut treiben. Chávez wirbt um Stimmen für den UN-Sicherheitsrat, in dem Venezuela einen der nichtständigen Sitze anstrebt - einer von Chávez' Versuchen, gegen die US-Hegemonie ein multipolares Machtgefüge aufzubauen. Der Schulterschluss in Lateinamerika, die Beziehungen zu Afrika und der arabischen Welt, der Chávez sowieso durch das Öl verbunden ist, selbst die Kontakte zu Nord-Korea und zu Kuba - all das fügt sich in diese Strategie ein.

Sorgen der US-Amerikaner

Von der These der Amerikaner, Caracas' Waffenkäufe destabilisierten den halben Kontinent, halten Experten wenig. Ein Vertreter des Internationalen Instituts für Strategische Studien IISS sagte, Venezuela ersetze einfach altes Material durch neuzeitliches, rüste also weniger auf als nach. Tatsächlich sollen die Kalaschnikows belgische Sturmgewehre aus den Sechzigern ersetzen. Dass sie an die kolumbianische Guerilla weitergereicht werden, wie Washington sagt, dafür gibt es keinen Hinweis. Bisher ist das Militär des Landes, verglichen mit den Nachbarstaaten, weder durch übertriebene Größe noch durch exzessive Ausgaben aufgefallen. Es erscheint eher als normal, dass Chávez nun, da der Ölpreis die Kassenlage entspannt, neues Material kauft. Als Venezuela noch nicht als unbotmäßig galt, verhökerte Washington selbst dort jede Menge Kriegsmaterial - allein 1996 für mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Washington redet über Venezuela und schweigt über Chile - ein weiterer Hinweis, dass der Destabilisierungsverdacht politisch-propagandistischen Hintergrund hat. Denn Chile rüstet gegenwärtig kräftig auf. Das Land schafft dies Jahr für deutlich mehr Geld - 2,8 Milliarden Dollar - Waffen an als Venezuela, es gibt relativ zum Bruttoinlandsprodukt seit Jahren deutlich mehr fürs Militärs aus, und das in Zeiten umstrittener Grenzen zu Peru und Bolivien - alles Faktoren, die viel mehr Besorgnis um das regionale Gleichgewicht auslösen müssten als der Fall Venezuela.

Was sich jedoch durch die Kalaschnikows offenbar destabilisiert, ist das innenpolitische Gleichgewicht Venezuelas. Neben Heer, Marine, Luftwaffe und Nationalgarde hat Chávez zwei zusätzliche militärische Einheiten ins Leben gerufen - Prätorianergarden für Kaiser Hugo, wie die Opposition argwöhnt. Auf zwei Millionen Mann - jeder fünfte im waffenfähigen Alter - sollen die Reservisten