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10 Sep 02 - Der Irak bleibt eine "nukleare Unbekannte"

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Die Welt
 
Strategie-Institut bestätigt Streben Bagdads nach Atomwaffen - Die größte Gefahr geht bisher von den Chemiewaffen aus
 
Von Katja Ridderbusch
 
Brüssel - "Früher oder später wird das irakische Regime sein Ziel erreichen": ein umfassendes Arsenal von Massenvernichtungswaffen aufzubauen, nukleare, biologische, chemische, um sich als erste Macht in der arabischen Welt zu etablieren. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer Studie des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS), die gestern in London, dem Sitz des IISS, sowie in Brüssel und Washington vorgestellt wurde.
 
Die Studie wolle ein "unparteiliches Panaroma" des irakischen Waffenarsenals seit Abzug der UN-Inspekteure Ende 1998 entwerfen, sagte Francois Heisbourg, Vorsitzender des IISS-Beirates. "Wir sind uns bewusst, dass unser Bericht von beiden politischen Seiten für ihre Argumente herangezogen wird: von denjenigen, die eine schnelle Militäraktion wollen, und von denjenigen, die sie ablehnen."
 
Die Studie basiert auf offen zugänglichen Quellen, auf den Daten der UN-Waffeninspekteure sowie den Recherchen der Forscher des IISS selbst, die mit dem jährlichen Bericht "Military Balance" du den weltweit führenden Rüstungsexperten gehören. Man habe keine Geheimdienstinformationen verwendet, sagte Heisbourg in Brüssel.
 
Bagdad, heißt es, habe nach wie vor "ein zentrales Interesse daran, nukleare Waffen zu entwickeln". Doch sei es unwahrscheinlich, dass in den vergangenen vier Jahren, in denen die Waffeninspekteure das Land verlassen hätten, in heimischen Produktionsanlagen waffenfähiges nukleares Material hergestellt worden sei. Allerdings, schreiben die Experten, habe der Irak sein Personal und sein Wissen aus dem Golfkrieg von 1991 behalten. Die Gefahr lauere auf dem Schwarzmarkt. "Es bleibt eine nukleare Unbekannte: Wenn es dem Irak auf irgendeinem Wege gelingen sollte, sich spaltbares Material in ausreichender Menge aus ausländischen Quellen zu beschaffen, könnte es in relativ kurzer Zeit Nuklearwaffen produzieren, möglicherweise innerhalb weniger Monate."
 
Gefahr droht den IISS-Experten zufolge vor allem auch von dem irakischen Arsenal an biologischen Waffen. "Der Irak besitzt die industriellen Fähigkeiten und das Wissen, biologische Wirkstoffe schnell und in großer Menge herzustellen". Das irakische Biowaffenarsenal enthält nach den IISS-Erhebungen wahrscheinlich Sporen von Anthrax und anderen hochansteckenden Wirkstoffen. Auch wenn diese biologischen Kampfstoffe eine verheerende Wirkung unter der ungeschützten Zivilbevölkerung entfalten könnten, bleibt der Studie zufolge ihre Durchschlagskraft im Einsatz gegen feindliche Truppen begrenzt. Denn ihre Verbreitungsmöglichkeiten sind offenbar eher eingeschränkt. Der Irak besitzt ein kleines Inventar von Al-Hussein-Kurzstreckenraketen, die mit biologischen oder chemischen Sprengköpfen bestückt werden können. Diese Raketen erreichen einen Radius von 650 Kilometern und können damit Israel, Kuwait, Saudi-Arabien, die Türkei und den Iran erreichen. Ferner könnte der Irak die Giftstoffe, biologisch oder chemisch, auch aus Flugzeugen und Hubschraubern versprühen und damit größere Flächen und Menschenansammlungen infizieren. Doch könnten, so die Studie, irakischen Flugzeuge relativ leicht von besser ausgerüsteter feindlicher Luftabwehr abgeschossen werden. Unkalkulierbar sei dagegen die Gefahr, dass die biologischen Waffen durch kleine Gruppen von Terroristen, Kommandos, verbreitet würden. Dies bleibe "eine ständige Bedrohung, gegen die man sich nur schwer verteidigen kann".
 
Verglichen mit den biologischen Waffen, ist der IISS-Studie zufolge das irakische Arsenal an chemischen Waffen kleiner und besser bekannt. Die Experten gehen davon aus, dass in den irakischen Labors und Bunkern derzeit mehrere Hundert, möglicherweise mehrere Tausend Tonnen an chemischen Giften lagern, darunter Mischungen aus Senf- und Nervengasen, wahrscheinlich Sarin, Cyclosarin sowie das Nervengas VX, das Bagdad wegen seiner rasanten Verbreitung offenbar für den Einsatz gegen Flugplätze und Häfen vorsieht.
 
Gefragt nach Verbindungen des irakischen Regimes zu dem Terrornetzwerk der Al Qaida, antwortete Heisbourg: "Mir ist kein überzeigender Nachweis für Verbindungen bekannt."
 
Das tödliche Arsenal des Diktators
 
Der Irak weist elf Jahre nach dem Golfkrieg und vier Jahre nach dem Abzug der UN-Waffeninspektoren, noch immer ein beeindruckendes Arsenal an potenziellen Waffenvernichtungswaffen auf - sowie das Personal, die Expertise und vor allem den politischen Willen, dieses weiter auszubauen. Nach einer Studie des Londoner Institut für Strategische Studien (IISS) besitzt Bagdad Waffen in folgenden Bereichen:
 
Der Irak verfügt nach den vorliegenden Erkenntnissen derzeit über keine Anlagen zur Herstellung spaltbaren Materials. Sollte es sich allerdings waffenfähiges nukleares Material aus dem Ausland besorgen können, wäre aufgrund der vorhandenen Expertise der Bau von Nuklearwaffen innerhalb weniger Monate möglich. Über das Interesse an radiologischen Waffen ist derzeit wenig bekannt. Theoretisch könnten zivile Forschungen zu militärischen Zwecken umgewidmet worden sein.
 
Im Bereich der biologischen Waffen ist anzunehmen, dass Bagdad den Großteil der Kulturen aus der Zeit vor 1991 eingelagert hat und jederzeit in der Lage wäre, biologische Kampfstoffe in größerer Menge herzustellen. Vermutet werden derzeit mehrere tausend Liter Anthrax.
 
Bei chemischen Waffen gehen die Experten davon aus, dass der Irak mehrere hundert Tonnen von Senfgas und mehrere tausend Tonnen verschiedener Nervengase wie Sarin, Cyclosarin und VX derzeit in seinen Bunkern lagert.
 
Schätzungen zufolge besitzt der Irak etwa ein Dutzend "A-Hussein"-Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 650 Kilometern, ferner einige "Al-Samoud"-Raketen mit einer Reichweite von 200 Kilometern.
 
Chemische und biologische Kampfstoffe können ferner in Granaten und Bomben transportiert werden, die beim Einschlag explodieren. Die irakische Luftwaffe besteht aus mehreren Kampfflugzeugen der Typen MiG-23 und Mirage F-1, ferner SU-22, SU-24 und SU-25 sowie einer unbekannte Zahl unbenannter Flugkörper (UAV). Sie alle können theoretisch biologische oder chemische Giftstoffe aus der Luft versprühen. rid